Die Dinge begreiflich machen

Samstag, 15. August 2015 |
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Artikelserie – Ted sieht die Welt in Metaphern – Teil IV

Coverbild der Artikelserie Ted sieht die Welt in Metaphern

Unsere täglichen Erfahrungen im Leben bestimmen unser Denken. Wir lernen dabei viel über die Welt, aber genauso über uns selbst. Doch um eine Sache zu verstehen, muss sie an unsere Weltsicht angepasst werden. Oder besser, der Mensch selbst muss sich die Dinge begreiflich machen. Wenn Dinge begreiflich sind, dann kann man mit einer strukturellen Metapher über sie sprechen. Doch dafür brauchen wir vorher Die ontologische Metapher!

(Ontologie ist ein Bereich der Philosophie, der sich mit dem Wesen der Existenz beschäftigt.)

Sein oder nicht sein – Metapher bringt Dinge in die Existenz

Das Gehirn strukturiert und kategorisiert den ganzen Tag. Es erkennt Information nach Mustern und entscheidet danach über die Bedeutung des Erlebten. Sprache ist eine Funktion des Gehirns, die genauso operiert: sie strukturiert. Doch es gibt so viele Dinge, die außerhalb der Realität unseres Kopfes keine (klare) Struktur haben. Das sind zum Beispiel Gefühle. Ich habe Depressionen, er hat Spaß, "Ich habe solch eine Wut auf ihn". Was hat man da? Man hält nichts in der Hand, sieht nichts, hört nichts. Nur die Sprache macht Wut zu etwas, das man "haben" kann. Das war die ontologische Metapher. Eine nicht klar abgegrenzte Erfahrung wie Depression wurde klarer abgegrenzt, indem sie ein Objekt gemacht wurde. Jetzt können wir uns mit Sprache auf das Objekt beziehen und Aspekte davon identifizieren.[1] Und so kommt es, das man "in Depressionen verfällt". Man fällt nicht etwa in etwas hinein, sondern man versteht Depression wie einen Container. Durch die ontologische Metapher. Und sobald das Nicht-Ding ein Ding, eine Sache geworden ist, können wir es mit strukturellen Metaphern weiter strukturieren.

Eigenschaften an Konzepte vergeben

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"Hör zu, ich hab nur versucht heute deinen Horizont zu erweitern."

Season 1 Episode 19 06:15

Barney benutzt hier den echten Horizont im Sinne des geistigen Horizontes. Den Horizont selbst gibt es so gesehen nicht. Den Streifen am Ende des Sichtfeldes bezeichnet man so. Man kann nicht darüber hinaus sehen. Was man nicht sehen kann, kann man auch nicht so einfach begreifen. Doch Barney macht ihn zu einem Behälter. Dieser hat also Grenzen und die kann man auch erweitern. Schon ist seine Metapher der Pragmatik perfekt.

"Er schwirrt mir seit Sonntag in meinem Kopf herum, da hab ich ihn beim Brunch gehört."

Season 1 Episode 7 12:15

Ted bezieht sich hier auf einen Song, der ein echter Ohrwurm ist. Dieser ist offensichtlich seiner Auffassung nach in seinem Kopf. In den Kopf kann man etwas hinein tun: ein Behälter.

"Nicht so schnell, er sollte erst 30 Minuten lang atmen, damit die Tanine samtweich werden."

Season 1 Episode 5 06:37

Ontologische Metaphern benutzen nicht nur Behälter als Sinnbild. Hier ist kein Behälter im Spiel. Ein Freund von Lily spricht über eine Flasche Wein. Die muss nach dem Öffnen atmen. Atmen können Tiere und natürlich Menschen. Dies ist eine besondere ontologische Metapher: die Personifikation. Die ist hier auch genau das, was der Name verspricht: Eigenschaften von Menschen werden an Dinge vergeben. Die Reaktion des Weines mit dem Sauerstoff ist für Menschen wie atmen. Also ist es nur das natürlichste und einfachste auf der Welt, die Reaktion als atmen zu bezeichnen. Die Metapher benutzt hier die beste Quelldomain, die wir haben: uns selbst.

Wie man sehen kann, ist die Menge an Wissen, die hier transportiert wird, nicht sehr groß. Einzelne Dinge können verdeutlicht und begreiflich gemacht werden, aber ein umfassendes Schema von Wissen wird nicht übertragen. Deswegen sind die ontologischen Metaphern die Basis für die strukturellen Metaphern. Man erschafft im Sprechen die Erfahrung als Objekte, Substanzen oder Container. Diese sind sehr ungenau, man definiert nicht näher. Das ist nicht nötig. Damit geben wir den Dingen eine Existenz in unserem Gedanken-Universum.

Schwierig zum Charakterisieren

Mit dieser Art von Metaphern zu charakterisieren, ist recht schwer. Eher zeigt sich das grundlegende Level auf, an dem Metaphern das Verständnis steuern. Sprache ist weitgehend metaphorisch und Metaphern können als Verständnishilfe benutzt werden. Auch diese zweite Sorte Metaphern hilft viel beim Verständnis der Welt.

Quellen

[1]Kövecses, Zoltán. 2010. Metaphor. A Practical Introduction. 2nd edition. Oxford:
Oxford University Press.

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