Jeder kann ein Held sein

Donnerstag, 18. Oktober 2012 |
Veröffentlicht in Lifestyle Markiert mit

1487 Wörter

12 Jahre haben die Gamer gewartet: Millionen Menschen nehmen sich Schwert und Schild, wobei sie nur ein einziger Gedanke antreibt: Ich will der Beste werden. Am 15ten Mai 2012 wurde der dritte Teil von „Diablo“ der Spielentwicklerfirma Blizzard weltweit veröffentlicht. Lange wurde das Spiel erwartet, endlich ist es da. Hat sich das Warten gelohnt?

Viel Zeit und Millionen an Dollar wurden in das Projekt gesteckt. Wird es ein neuer Kassenschlager oder doch eher Ladenhüter? Der Absatz spricht für sich: 6,3 Millionen verkaufte Exemplare in der ersten Woche nach Release. Ich habe mir das Spiel angeschaut und eins ganz klar festgestellt: der Suchtcharakter ist da. Grundlegend hat man die Auswahl zwischen mehreren Charakteren, die jeder auf ihre Art den Gegnern (größtenteils alle möglichen Monster) ordentlich einheizen können. Man(n) schnappt sich seine Freunde oder metzelt alleine drauflos was das Zeug hält. Das ist hier wörtlich zu nehmen, denn die dem Charakter „angezogenen“ Items beeinflussen die Wirksamkeit der Fähigkeiten. Und wenn das Zeug nicht mehr hält (die Items verschleißen, ähnlich wie echte Dinge) wird der Charakter schnell mal hopsgehen.

Die Sorc im Gameplay in Diablo IIIMonster bashen vom Feinsten

Das interne Levelsystem lässt einen bis zu einem gewissen Grad stärker werden und die Fähigkeiten des Charakters sind der eigenen Strategie gut anpassbar: mitten rein in die action oder doch lieber aus der Entfernung draufhauen? Kein Problem, Fähigkeiten oder Zauber auswählen und los. Übung macht den Meister. Als regulärer Spieler steht auch sehr viel Systematik hinter dem Bildschirmkrieg: Gezielt werden Items gesucht, Gold gesammelt und in neue Ausrüstung investiert. Sogar verschönern kann man sich: die Klamotten kann man auch färben!

Das Unterhaltungsprodukt unterhält einen mit- ja womit eigentlich?- mit demselben Leistungscharakter der in der heutigen Gesellschaft überall zu finden ist.

Das Spiel enthält sogar ein Handelssystem, sodass die Gegenstände per Auktion an den Mann gebracht werden können. Man verkauft sich untereinander (fast) alles, was man im Spiel finden kann. Will man Spielgeld verwenden oder doch echtes Geld? Auch hier kann man auswählen. Ein Spitzenklasse-Item kostet dann auch mal 599 €. Und es wird auch gekauft.

Und sehen Sie nicht jeden Tag den Nachbarn mit Schwert und Schild zur Arbeit radeln, voller Kampfeslust? Was ist heute von dieser mittelalterlichen, barbarischen Art geblieben? Ganz sicher der Kampfgeist und die Lust am Erfolg.

Doch eins sollte man im Kopf behalten: in der virtuellen Welt ist das gewünschte Ziel weit einfacher, schneller und bequemer zu erreichen. Auch wenn viele Spieler täglich Stunden in ihr virtuelles Ich investieren, sieht ein Vergleich zum „wahren Leben“ natürlich so aus, dass (hoffentlich) weit mehr Zeit im Leben außerhalb des Spiels verbracht wird. Im Spiel kann man schnelle Erfolge erreichen, geht das im Leben außerhalb des Bildschirms auch? Natürlich. Man muss sich nur kurzfristige Ziele zu seinen langfristigen Zielen setzen und sie bewusst als Erfolge wahrnehmen, oder nicht?

Jeder Mensch hat doch einen gewissen Hang zu Klischees. Wie sieht das Klischee des Computerspielers aus? Schließlich muss jemand, der täglich Stunden mit einem Computerspiel verbringt, doch ein Charakterbild haben. Die Erfahrungen haben das Bild etwa so gemalt: generell ist der Spieler etwa zwischen 15 und 30 Jahren, männlich und ungepflegt. Die Spieler werden als eine Gruppe von Leuten beschrieben, die sich sozial isoliert und vielleicht auch noch gewalttätig durch ihr Hobby wird, denn Spiele enthalten nun mal viel Gewaltdarstellungen. Allerdings haben die brutalsten Herrscher der Welt a la Hitler sicher nicht wegen einem Bildschirm mit Videospielen darauf Genozid betrieben.

Inwiefern auch immer dieses Klischee zutreffen mag, eins ist sicher: Ihnen allen ist es zu einem gewissen Teil wichtig und eine angenehme Erfahrung, ein Held zu sein.

Das fragt man sich doch, wieso man heutzutage ein Pixelheld sein muss und nicht etwa jemand, der Großes im wahren Leben schafft.

Eine etwas genauere Betrachtung des Problems bringt schnell ans Ziel: Ein echter Held sein ist weit anstrengender, zeitaufwändiger und fordernder als ein klar zu erkennendes System hinter einer virtuellen Welt zu identifizieren und dieses System zu meistern. Außerdem wird der Spieler unterhalten. Ist das echte Leben unterhaltsam? Vielen ist es jedenfalls nicht genug.

Unterhaltungswert Buch zum Unterhaltungswert eines Spiel, was gewinnt? Die Art und Weise Unterhaltung zu erreichen ist eine ganz andere. Während man auf der einen Seite gewissermaßen passiv konsumiert, so sieht die andere Seite weitaus aktiver aus. Wörter auf Papier sind nur geringfügig vorgefertigt, mit einem Leser entsteht die Form des Sinns im Werk. Betrachtet man das Computerspiel, wo findet man dann das kreative Element? Ein Computerspiel besteht aus Sinn und Form. Also wenn man es genau nimmt, dann entscheidet man sich zwischen den geistigen Tätigkeiten die gebraucht werden. Plötzlich klingt es nicht mehr vernünftig, hier zu vergleichen. Unterhaltung ist nicht gleich Unterhaltung, schließlich ist das Koliseum auch kein Poetenwettbewerb…

Dennoch, die Infrastruktur und auch das Produkt ansich hinterlassen einen Eindruck von Unausgereiftheit. So sind die für ein ausschließlich online gespieltes Spiel benötigten Server anscheinend unzureichend ausgerüstet, sodass viele Spieler Spielausfälle in Kauf nehmen mussten. Das mag nicht sonderlich gravierend erscheinen, ist allerdings vom wirtschaftlichen Standpunkt für eine Firma wie Blizzard ein Unding.

Die Sorc im Paragon von Grafschaft LaunebachDie Sorc im Paragon in Grafschaft Launebach

So veranlassten die wiederholten Ausfälle des Spielsystems und die Informationspolitik Blizzards die deutsche Verbraucherzentrale zu einer Abmahnung der Firma. Laut Verbraucherzentrale ist der Konzern verpflichtet, die entsprechende technische Infrastruktur bereitzuhalten, denn das Spiel ist an einen Account gebunden, der als einziger Zugang zu der jeweiligen Kopie des Spiels bekommt und es ist nur online spielbar. Aufgrund der von Blizzard nicht bereitgestellten technischen Anforderungen des Spiels wurde Blizzard zum 13. Juli 2012 mit einer Unterlassungserklärung belegt und muss die Mängel in den zukünftigen Auflagen beseitigen. Im Lichte der Tatsache, das zwölf Jahre Arbeit von Schönheitsfehlern und auch groben Mängeln überschattet werden, hat die Euphorie über das Spiel stark abgenommen. Nichtsdestotrotz ist das Spiel ein Erlebnis und bringt alle Voraussetzungen für einen Klassiker mit sich.

Höher, schneller, weiter; so oder so ähnlich sagt Otto Normalkapitalist gerne und, wen wundert es, darum dreht sich dieses Spiel. Die zugrundeliegende Aufgabe des Spielers ist es, zuerst potenziell und dann kontinuierlich besser zu werden. Das normale RPG enthält meistens ein schickes Levelsystem, man muss des Charakters Eigenschaften, seinen loot (engl. Beute, Spielerjargon) und Spielweise verbessern. Dem Klang nach ein kapitalistisches Utopia in Paradeuniform. Denkt man dabei an das „wahre Leben“, dann steht man unwillkürlich vor der Frage, wieso ein Mensch, der in seinem Alltag von der Gesellschaft die Erfolgssehnsucht vorgeschrieben bekommt, nach mehr Leistung in der Freizeit strebt. Das Gedankengut unserer Gesellschaft hat uns längst indoktriniert, sich heimlich eingeschlichen und festgesetzt. Jeder dieser Begriffe klingt offensichtlich negativ, doch was ist an Leistungsorientation schon negativ?

Der durchschnittliche Bachelorstudent lernt, perfekt zu sein.

Der Lebenslauf: zielorientiert, rund, vielfältig. Der Student hat soziales Engagement. Der Student hat gute Noten. Alles perfekt abgestimmt! Sich selbst präsentieren, dass kann er auch noch.

Alle haben Auslandserfahrung, Sprachkenntnisse und Praktika. Die Firmen stehen vor einer Flut von einheitlichen Menschen, auf Zack und wie geschmiedet. Denn die Ansicht ist, gute Bildung ist alles im Leben, und wie als gäbe es ein Levelsystem mit Bewertungsskala, so häufen die Studenten Leistungen an, die sich perfekt ergänzen. Von Interesse ist all das, was auf dem Papier gut aussieht, was aus dem Student mit guten Noten einen Superhelden macht. Wenn ein Computerspiel 12 Jahre braucht, um spielbar zu sein, wie lange braucht dann ein Mensch, um „spielbar“ zu sein? Seine Bildung braucht weit länger, geht doch man doch heute 12 Jahre zur Schule und drei bis fünf Jahre an die Universität.

Eine Prüfungsordnung liest sich heute wie ein Level Guide: Die Vorlesung plus die Übung macht das Modul, es wird mit 10 Punkten honoriert, wieder ein Stück verbessert. Und so geht es endlos fort. Ein Studium zu absolvieren war schon immer eine Frage von Engagement, und dennoch war viel Zeit, nach Neigungen zu studieren, Grundwissen zu vertiefen und ein Gebiet förmlich bis auf das Letzte auszuschlachten. Heute braucht ein Absolvent viele Qualifikationen auf einmal, man ergreift eher die neue Herausforderung, eine neue Sprache oder ein neues Themengebiet. Allzeit bereit, zu Allem bereit und fließende Übergänge zwischen Lebensabschnitten, so wird Bildung gemacht. Ein erstklassiger Theoriemensch ist das Ergebnis.

Praxiserfahrung wird ständig betont und gesucht, doch bleibt kaum Zeit in einem Bachelor. Das Perfekte wird zum Unvollständigen: Unternehmen stehen vor einer Flut von perfekten Kandidaten für die Stelle.

Jetzt suchen sie den Bruch im Lebenslauf, etwas das mitteilt, hier wurde Erfahrung gemacht, was nicht passt, was nicht perfekt war. Gebraucht wird nämlich jemand der gut ist. Jemand der weiß was er will. Jemand der weiß, was er NICHT will. Der ist wahrscheinlich der beste Mann für den Job. Also doch lieber ein Held auf Umwegen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.