Die Zukunft von Google: Dave Eggers Circle

Dienstag, 24. März 2015 |
Veröffentlicht in Kritiken

1215 Wörter

Mae Holland fängt einen neuen Job beim Kundenservice des Circles an. Mae ist ein kommunikativer Mensch, wenn auch am Anfang etwas zurückhaltend und fährt gerne Kajak. Mehrfach die Woche rudert sie hinaus auf das Wasser und genießt es, Sonne, Wind und Wasser auf der Haut zu spüren. Doch mit ihrer Arbeit beim Circle hat das nichts zu tun. Bis der Circle das Projekt SeeChange startet. Hochauflösende Kameras, für die meisten erschwinglich und leicht aufstellbar. Man stellt sie überall dorthin, wovon man sich einen dauerhaften Video-Feed wünscht.

Mae kommt an einem Abend wutentbrannt von einer Diskussion mit ihrem Exfreund Mercer an dem Kajakverleih vorbei. Der Verleih hat so spät am Abend geschlossen. Ein Boot steht leicht erreichbar. Doch um rauszufahren, muss sie es stehlen. Und sie fährt hinaus mit dem Boot. Nachdem sie verhaftet wird, muss sie zu ihrem Chef. All das wäre nicht passiert, wenn sie gewusst hätte, dass sie gefilmt wird. Davon überzeugt sie ihr Chef. Und außerdem, dass sie von nun an gläsern wird: eine Kamera 24/7 um den Hals trägt, über die jeder über Social Media zuschauen kann, was sie tut. Damit Verbrechen wie ihres Geschichte sind. Auch die zurückhaltende Mae wird Geschichte.
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Facebook
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Google Plus

Der Circle will, dass zu jeder Zeit alles protokolliert wird, was jemals Menschen tun. Damit kein Verbrechen mehr geschieht, kein Unrecht mehr herrscht, alle Lügen aufgedeckt werden. Und es funktioniert, weil seine Unterstützer nicht kritisch hinterfragen. Weil sie die Überwachung als gut empfinden, und wie die Anhänger einer Sekte ihre Umfragen beantworten, ihre Raffgier nach Nutzerdaten und ihrem pervertiertem Sinn von Gemeinschaft verfallen sind. Kritik an ihrem Arbeitgeber lassen sie unbeeindruckt an sich abgleiten. Selbst als die Schlüsselfigur Annie ("Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, ob wir alles wissen sollten") und der mysteriöse Kalden undenkbare Kritik am Circle üben

Das meiste von dem, was derzeit passiert, muss ein Ende haben. Das ist mein Ernst. Der Circle steht kurz vor der Vollendung, und Mae, du musst mir glauben, dass das schlecht für dich sein wird, für mich, für die Menschheit

lehnen die Menschen und Mae diese als unwirklich ab. Und Google hat die Arbeit des Circle bereits begonnen.

Google macht dich zum gläsernen Menschen

Dass Google Nutzerdaten speichert, ist keine Neuigkeit. Lange schon machen Datenschützer auf Googles Machenschaften aufmerksam und kämpfen dagegen an. Google sammelt alle Daten, die es bekommen kann, um damit bezahlte Werbung zu schalten. Genauso, wie es Facebook tut. Und dabei sortiert es die Ergebnisse nach ihrer Relevanz bezüglich dem größten Umsatz, der generiert werden könnte. Vor einiger Zeit sendete die ARD die Reportage Die geheime Macht von Google. Das grundlegende System von Google ist, dass die Relevanz von Suchergebnissen für eine Anfrage danach entschieden wird, wie oft auf diese Information an anderer Stelle verwiesen wird. Sowie etwa 200 andere Faktoren.

Umfassendes System für Nutzerdaten

Um die Suchergebnisse auf den Nutzer selber besser abzustimmen, speichert Google Suchanfragen, gesehene Videos auf YouTube (YouTube gehört zu Google), analysiert die geteilten Posts auf Google+, durchforstet die eMails seines Clients Google Mail, und all das, um die präsentesten Suchergebnisse anhand dieser Daten auszuwählen. Außerdem bevorzugt es die eigenen Dienste, um damit mehr Umsatz durch eigene Dienste und Werbung erzielt werden kann. Nicht nur wird der Suchende an dieser Stelle schon bevormundet, sondern er wird auch noch für dumm verkauft. Werbeanzeigen neben den Ergebnissen sollen zum Shopping locken. Fein abgestimmt durch die dreiste Speicherung von Dingen, die Privatsphäre sind. Nur das Internet ist nicht privat. Leider.

Und richtet man sich nicht nach Googles Vorgaben für Webseiten, dann sieht es mit einem Business oder Selbstbestimmung im Netz schlecht aus.

Keine Selbstbestimmung im Netz

Dave Eggers Circle denkt Google und Facebook weiter. Der Circle, ein soziales Netzwerk und konsumfinanzierter Forschungscampus sowie Entwickler aller möglichen Produkte, hat ultimative Visionen. Die Vision, alles zu jeder Zeit über Kameras verfolgen zu können. Die Vision, dass jeder Mensch in ihrem sozialen Netzwerk sein Leben offenlegt. Die Vision, dass Geheimnisse nicht sein dürfen. Die Vision, dass sie über immer mehr und mehr Computersysteme, die Daten erfassen, das Leben transparent, sicher und gerecht machen können. Die Vision, die ganze Geschichte eines Menschen und seiner Ahnen aufzudecken und auf Festplatten für immer festzuschreiben.
Dabei zwingt der Circle die Menschheit zur Teilnahme an ihrem Netzwerk. Ein Account beim Circle wird obligatorisch, man möchte, dass konsumiert und im sozialen Netzwerk partizipiert wird. Der Circle vernichtet den Ruf von Politikern, wenn sie sich nicht bereit erklären, ihr Leben offenzulegen. Eine Firma entwickelt sich zur totalen Macht. Die Menschen entwickeln sich zu überspitzten, lächerlichen Sklaven ihres sozialen Netzwerks und sind auf einfachste Weise manipulierbar. Der naive Charakter Mae hat Millionen naive, unkritische Mitläufer hinter sich.

Wie bei Facebook und Google. Google ist seine voreingenommene Suchmaschine, Android auf Handys, YouTube im Internet, hat sein eigenes soziales Netzwerk und seinen eigenen Mailanbieter. Es hat Kartendienste und und und. Es ist überall. Wie der Circle. Und beim Circle wird die Teilnahme am sozialen Netzwerk an einer Zahl gemessen, dem PartiRank. Wer einen niedrigen PartiRank hat, gilt nichts. Wie in der Facebook-Welt, wo ein Beitrag mit wenigen Likes nicht mal allen Fans einer Seite angezeigt werden kann. Denn auch bei Facebook bringen mehr und mehr Menschen ihre Inhalte unter's Volk. Ohne die entstehende Macht bei den Konzernen zu hinterfragen.

Buch gibt sich selbst ein Sinnbild

Und der Circle ist wie ein Hai, der in einem lebhaften Korallenriff die Seepferdchen und seine Nachkommen frisst, den Kraken aus den Korallen zerrt und in Stücke fetzt, um sie zu verschlingen und mit brachialer Gewalt und instinktiver Präzision die Lebewesen in seinem Umfeld sich einzuverleiben, bis nichts Freies und Florierendes mehr übrig ist.

Empfehlung für ein zeitkritisches Buch

Der Circle von Dave Eggers ist ein lesenswertes Buch für all jene, die daran zweifeln, dass Nutzerdaten sammeln etwas Schlimmes ist. Ein Buch für all jene, die sich die Konsequenzen von Datensammelei nicht vorstellen können. Und es ist ein Buch für all jene, die sich nur zu gut vorstellen können, wie wenig Freiheit Nutzerdaten noch bedeuten. Wenn man nicht einmal mehr sehen kann, ob einem alles Wissen zur Verfügung gestellt wird. Wenn online Eingabe für Eingabe die Maschen der Datenfischer weiter verfeinert. Wenn ein Mensch gehetzt wird, weil er nicht online teilhaben will. Und das Recht auf Vergessen und Selbstbestimmung vergeht. Cipher im Film Matrix sagt: „Unwissenheit ist ein Segen.“ Der Kontext ist die totale Kontrolle der Menschen, ohne dass sie sie erkennen. Und Unwissenheit ist wirklich ein Segen. Nämlich das Dinge aus der Vergangenheit auch vergessen werden können. In den Datenspeichern der Unternehmen können sie es nicht.

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