Die Bestimmung zur Ausgestoßenen

Samstag, 12. April 2014 |
Veröffentlicht in Kritiken

767 Wörter

Die außergewöhnliche Tris versucht sich anzupassen und lässt im Kino den Außenseiter zum die Gesellschaft unterwandernden Ideal werden, obwohl ihr schon längst die Show gestohlen wurde

 

Die eigenwillige Beatrice (Spitzname: Tris) wächst in einer Gesellschaft auf, in der Impulsivität verpönt ist. Im Chicago der Zukunft hat jeder Mensch eine von 5 Eigenschaften, die ihn Mitglied einer Gruppe werden lassen. Und wenn man anders ist, ist man ein Freak. Und Freaks gehören ausgestoßen und getötet. Denn wer sich nicht anpasst, der ist eine Gefahr für alle anderen.

Wieder einmal ist Amerika Schauplatz einer zukünftigen Klassengesellschaft, die nach einem alles ins Wanken bringenden Krieg eine streng reglementierte und vor allen Dingen separierte Gesellschaftsform hervorbringt, die durch Waffengewalt erhalten werden muss. Indem man die Menschen zuerst ideologisch indoktriniert, ihre Familie zu verleugnen, und ihnen dann ein militärisches Training zuteil werden lässt, dass sie von den natürlichen Beziehungen zu Familienmitgliedern weg zu Kameraden formen soll. Und die Angst vor Andersartigen hält sie zusammen.

Wieder einmal war es Zeit, Zeit für eine Zukunftsphantasie der amerikanischen Gesellschaft. Und in dieser Zukunft, da hat man seinen Platz in der Gesellschaft gefunden. Oder man ist ein Freak, wird ausgestoßen, getötet. Eine Prise Totalitarismus, die tut uns allen in Zukunft gut. Und nichts desto trotz: die Freaks werden sich ins System einschleichen, es unterlaufen und kaputt machen. Denn der exotische Außenseiter, er ist stärker als jeder andere Mensch, und als jede Technik. Und er wird zum Idealbild des Menschen des 21. Jahrhunderts.

So kann sich Beatrice, eine „Unbestimmte“, in die Kriegerkaste einschleichen, und mit Hilfe ihres weit älteren Ausbilders an ihre Kaste angleichen lassen, ohne dabei aufzufallen. Die Sechzehnjährige findet schnell Gefallen an ihrem deutlich älteren Ausbilder Tobias Eaton, oder einfach „Four“, einem markanten Gesicht mit strengem Ausdruck und dem Sexappeal eines Mannes in der Blüte seiner Jahre, der unerreichbar scheint. Wie gut, wenn man ein Geheimnis hat, dass das 16-jährige Mädchen mit ihm verbindet: sie gehört garnicht hier her. Und er auch nicht.

Während im Film die Angst der Menschen ausgespielt wird, dass eine Chemikalie sie zu willenlosen, maschinenartigen Befehlsempfängern macht, die dazu genutzt werden, sich auf grausame Weise die Macht anzueignen, wird ein bisschen Zukunftsangst geschürt. Die herrschende Klasse, die Altruan („uneigennützig“), von denen Beatrice abstammt, steht im Konflikt mit den technologiesüchtigen Ken, die die Herrschaft übernehmen wollen.

Es wirkt wie eine Neuauflage von Tribute von Panem in minderer Qualität. Doch auch Tribute von Panem ist ja doch nur eine Neuauflage der ewigen Zukunftsangst. Doch Tris, wie sich Beatrice bei ihrer gewählten Fraktion, den Ferox (lat.: wild, trotzig), nennt, ist nicht das zwiegespaltene, charismatische Mädchen, dass durch ihre fehlenden sozialen Fähigkeiten die Sympathie des Publikums gewann, wie es Katniss Everdeen in der totalitären Zukunftsphantasie Tribute von Panem ist. Und ebenso, wie sie selbst als flacher Abklatsch von Katniss wirkt, so wirkt auch der ganze Film als eine aus der Luft gegriffene, realitätsferne Fantasie von dem Einzelgänger, der über die anderen triumphieren wird. Tris ist eine Unbestimmte, die so gefürchtet sind, dass sie ohne Umschweife exekutiert werden. Unbestimmte wollen sich nicht anpassen, im Film haben sie sogar eine andere Weise zu denken. Aber die Mitglieder jeder Kaste verbindet eine bestimmte Denkweise. Nach einer Friss oder stirb-Mentalität wird hier verfahren, um die Gesellschaft aufrecht zu erhalten und zu propagieren: Es gibt da jemand, der gewaltsam die Macht über die Menschen an sich reißen will, und er scheut nicht vor Gleichschaltung und Massenmord zurück, um seine Ordnung herzustellen. Und das sind nicht, wie der Titel vermuten lässt, die Unbestimmten. Mit der Ungewissheit der Zukunft wird gespielt (leider nicht überzeugend oder glaubwürdig) um ein verklärtes Außenseiter- Ideal herzustellen, dass durch seine Andersartigkeit triumphieren kann. Ein indirekter Aufruf zur Toleranz, den dieser Film womöglich darstellt, schlägt aufgrund seiner Unglaubwürdigkeit und seiner inhaltlichen Längen fehl.

Die Bestimmung mit Shailene Woodley, Theo James und Kate Winslet startete in den deutschen Kinos am 10. April 2014. 3/6 Sternen für die 2-stündige Zukunftsvision mit einer anderen Art des Klassenkampfs.

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