Facebook: Tagebuch 2.0

facebook1Manche Facebook-Seiten lesen sich wie ein Tagebuch

So manches Facebook-Profil liest sich wie die Beiträge im Foto. Das moderne Tagebuch, das sind soziale Netzwerke, und so mancher gibt fast schon minutiös sein Leben wieder. An jedem Profil hängen sicher einhundert Freunde, und sie alle lesen mit. Neues Hobby für alle: Stalking.Wer drängt denn auch nicht jedem seiner Freunde fortwährend sein Tagebuch auf?

„Facebook lässt dich wissen, was im Leben deiner Freunde los ist. “ Marc Zuckerberg, Gründer von Facebook, ist der schlaue Kopf und Herrscher über 900 Millionen Freundesfreunde. Vielleicht ist er auch ihr Diktator?

Facebook möchte ein Abbild des realen Lebens sein. Freundschaften können geschlossen, Bilder und Videos angesehen, Infos ausgetauscht werden. Per Einladung erstellt man seine Freundesliste, und man kann öffentlich, im Kreis der Freunde oder im privaten Chat alles mitteilen, was man aufschreiben oder aufnehmen kann. Ein wunderbares Werkzeug, um über nah oder fern schnell miteinander in Kontakt zu treten. Und das alles kostenlos. Doch Facebook ist weit mehr als Terminplaner und Kommunikationsweg in einem.

Schon das Bild, das jedes Profil haben kann, trägt den Zweck von diesem sozialen Medium in sich: „Ich bin, wer ich vorgebe zu sein. “ Was sehr abstrakt klingt ist gängige Praxis: der Nutzer von Facebook stellt sein Leben selbst online dar. Er inszeniert sein Selbst in der Öffentlichkeit. Mit Fotos von seinen Vorlieben und vielem mehr.

Und eins hat eine Inszenierung doch immer zum Ziel: dass man ihr Beachtung schenken möge. Und was Aufmerksamkeit bekommt, das kann besonders ausgezeichnet werden: mit einem „Gefällt mir „-Knopf, auch auf die eigene Seite kann es übertragen und kommentiert werden, sodass alle daran teilhaben können. Die Menschen bekommen auf der Internetplattform die Aufmerksamkeit, die sie suchen. Indem man sein Leben erzählt wie man es wünscht, erscheint auf der Plattform nur das, was dem Nutzer vor seinem sozialen Umfeld akzeptabel scheint. Und die Freunde verbringen voller Informationsgier ihre Zeit auf Facebook. Doch das Teilen ist mehr ein Zerteilen. In Posts, Fotos und Videos getrennt gibt man Ausschnitte seines Lebens wieder. Was von der Sehnsucht nach dem „Wir “ angetrieben wird, wird zur Suche nach dem zertrennten, geteilten Ich. Was als Werkzeug angedacht war, das Leben intensiver zu machen, zerhackt es stattdessen.

Das Sammeln von „Gefällt mir „-Klicks bekam auch Gegenwind von findigen Nutzern: Sie verlangten den „Gefällt mir nicht „-Button. Auf den ersten Blick mag es nicht auffallen, wie beschränkt die soziale Bandbreite des 900 Millionen Nutzer großen Netzwerks ist: sie reicht von Zustimmung/Gefallen bis Gleichgültigkeit. Welch Wunderwelt ist das, in der Ablehnung und Missfallen nicht zu finden sind?
Die Likes bestimmen, was gut ist. Wie ein Kleinkind nur sich selbst und seine Mutter wahrnimmt, so hockt man vor dem Computerbildschirm und wartet auf einen Like, wie auf ein Grunzen als Bestätigung. Facebook als kollektive Mutter fragt im Eingabefenster für Posts: „Wie geht es dir? “ Im stupiden Ein-Wort-Post antwortet der Nutzer: „Müde. “ „Hunger „. Und macht dabei den Anschein, wie ein Kind mit „Guck mal, Mama! “ nach Beachtung zu fordern.

Nutzerdatenparadies oder Sumpflandschaft aus Vergangenem

Nach Aufmerksamkeit von anderen Nutzern heischend, gibt man jedwede Art von Daten preis, die anderer Nutzer Aufmerksamkeit anziehen könnte. Die letzten Jahre voller Details, Facebook vergisst sie nie. Und selbst aktuell wird der Nutzer des digital-sozialen Freundeskreises mit einer Fülle von Fotos, Videos, Posts und Likes von Menschen bestürmt, die man nicht oder nur entfernt kennt. Die Informationen laufen durch, und für den Menschen ist Durchlaufinformation Stress. Facebooks Datensammelwahn im Hintergrund, den Informationssturm im Vordergrund wird das „Wissen, was im Leben deiner Freunde los ist “ zur Übersättigung und Langeweile. Und auch Vernachlässigung von Grundbedürfnissen wie schlafen, essen und anderen Aktivitäten findet statt. Facebook schürt die neuartige Krankheit: wenn ich nicht online oder erreichbar bin, werde ich etwas verpassen. Die schiere Informationsgier drängt uns zum mehrfachen Login pro Tag.

Daten erwünscht, Mitwirkung unerwünscht

Facebook vergisst nicht nur nie, bei Facebook sammelt man die Nutzerdaten, ohne einen Zweck für sie zu kennen. Die möglichen Angaben für das Profil sind (auf freiwilliger Basis) sehr umfassend. Doch das ist längst nicht alles: echte Namen sind Pflicht. Wer eines falschen Namens für schuldig befunden wird, dessen Konto löscht Facebook umgehend. Andere User werden im Facebook per Eingabemaske gebeten anzugeben, wie der echte Name von einem zufällig eingeblendeten Freund laute. Doch viele Internetnutzer berufen sich auf Pseudonyme als Möglichkeit, freie Webnutzung zu gewährleisten.

Big Brother is watching you: Überwachung von dem dem Anschein nach privaten Facebook ist gang und gäbe. Der Nutzer fühlt sich auf Facebook privat, doch die Polizei veröffentlicht Fahndungsfotos, Ordnungsämter suchen nach Hinweisen wie Fotos von beteiligten Personen an z.Bsp. Sachbeschädigung, Steuerfahnder freuen sich über die Bilder vom neuen Flatscreen, obwohl man angab, bettelarm zu sein und Scheidungsanwälte nutzen das Netzwerk um die Leute dort zu packen, wo für den andern der größte Vorteil winkt.

Stalking ist Volkshobby, und für wen sollten all die Daten über Lebensgewohnheiten denn nützlich sein, wenn nicht für Stalker, Spanner und Identitätsdiebe. Doch damit noch lange nicht genug: Facebook als Wirtschaftsunternehmen macht die Daten indirekt zu großem Geld. Es finanziert sich durch Werbung, die auf die Nutzer abgestimmt wird. Und die Nutzerdaten werden auch weitergegeben: Ein Klick auf den Button „Spiel spielen “ eines Facebook-Spiels macht das anbietende Unternehmen sehr viel weiser über des Spielers Leben.

Chatverläufe werden von Mitarbeitern gelesen und per Schlagwortsuche werden Nachrichten gefiltert und bei Anschein einer Straftat an die Polizei weitergegeben. Unterliegen digitale Nachrichten dem Fernmeldegeheimnis? Marc Zuckerberg selbst wird den Medien zufolge nicht als sensibel beschrieben, was seine Einstellung zum Umgang mit persönlichen Daten betrifft.

Der „Like „-Button, den Webmaster auch in ihre Website einfügen können, ist ein wirkliches Plappermaul: Ob angeklickt oder nicht, Facebook erfährt die IP-Adresse, Browser, Bildschirmauflösung und Ort und Zeit des Zugriffs. Ob man einen Facebook-Account hat, oder auch nicht. Kurzum, Facebook erstellt umfassende Profile der Internetnutzung und auch aus allen weiteren Daten und verwendet sie für Werbung. Das allein mag nicht dramatisch klingen, doch das Potenzial der Nutzung dieser Daten ist enorm. Für die Polizei, den Anwalt, den Verbrecher und auch für den normalen Bürger.
Faust verkaufte seine Seele für eine junge Dame an den Teufel. Tun wir das für lau?

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