Ich durchschaue dich: Datenspuren

Als Europäer surft man gerne. Doch brettert man dabei selten unter der glühenden Sommersonne auf den Wellen einher. Natürlich ist nicht jeder Europäer ein Kind von SommerSonneSonnenschein, „surfen” tut man nun im Internet. Des Surfers Spur im Wasser verläuft, kaum hat sein Surfbrett sie gezogen. Nicht so im Internet. Im Web ist jeder Mann ein Hänsel, jede Frau eine Gretel. So wie diese beiden im Wald ihre Spur aus Brotkrumen legen, so füttern wir die Datenspeicher. Die Datenspeicher von Unternehmen, von Behörden, von Privatpersonen, immer und überall wo „www” dran steht. Doch wollen wir wirklich dahin zurückfinden, wo wir herkamen?

„Das Internet”, ein enormer Einkaufsladen, Bibliothek, Telefon und Fernsehprogramm. Ein Mittel, um zu debattieren, zu lernen, zu stehlen und vieles mehr. Das Internet zu erklären, abseits von der nüchternen Beschreibung, es sei ein Weg, um Information auszutauschen, ist wohl schwer möglich, wenn man es in Gänze erfassen will. Information, oder Daten, sind wohl die Quintessenz nicht nur des Internets, sondern auch des Lebens. Nur, während Information außerhalb des Digitalen entsetzlich flüchtig ist, sodass Menschen mit viel Aufwand gigantische Bibliotheken mit Wissen zusammenstellen mussten, ist dies im Netz nicht nötig. Wissen ist Macht, und im Web häuft man sie recht einfach an.

Das Zeitalter der internetfähigen Geräte ist wohl kaum erst angebrochen, doch lange schon sehen die Menschen die Macht der Information im Cyberspace. Interessant sind vor allem Daten, die mit der Persönlichkeit des Nutzers in Verbindung stehen. Es geht ums Geschäft, um den Identitätsdiebstahl, um den gesundheitlichen Zustand und vor allem geht es um Geheimnisse. Geheimnisse um ein Produkt zu vermarkten, um illegale Machenschaften leichter und schwerer Art, einfach alles, was nicht jeder wissen soll. Alle diese Geheimnisse, die Hänsel und Gretel haben und direkt oder indirekt dem Netz anvertrauen, werden in Zukunft -und für immer- ihnen zugeordnet werden. Denn das Internet vergisst nicht. Und selten ist es wichtig, ob das Internet weiß, das Hänsel Hänsel heißt.

Ein modernes Märchen: Hänsel und Gretel im Netz

Bruder und Schwester sind auf dem Weg. Zuerst einmal hängt ihnen ein Schild um den Hals. „Ich heisse 192.168.0.1. Ich betrete an Stelle xxx den Wald. Den Eintritt in den Wald hat mir Arcor Deutschland verschafft. Ich möchte gern zum Hexenhaus.” Arcor bringt mich in den Teil des Waldes, in dem das Hexenhaus steht. Dabei legt es zwei Brotkrumen aus. Eine liegt am Anfang und eine am Ende. Und das Brot, das trage ich weiterhin bei mir, sodass die Hexe weiß, wo meine letzte Brotkrume liegt. Sie weiß auch, dass Arcor mich hergebracht hat, an welcher Stelle ich den Wald betreten habe und selbstverständlich liest sie meine Nummer auf dem Schild um meinen Hals.

So sieht die Kommunikation im Internet aus, und mit der Nutzung legt man eine Spur aus Brotkrumen, Informationshäppchen, die wieder ein ganzes Brot ergeben können. Wenn man das Brot zusammensetzt, dann erhält man genauen Einblick in alles, was im Internet unter meiner Nummer geschehen ist. Vorher interessiert Niemanden, dass ich Hänsel oder Gretel heiße.

Die Kinder erwarten nicht, dass jemand es zum Ziel haben könnte, ihr Brot wieder zusammenzusetzen. Und genau so wandern heute Internetnutzer durch das Informationsnetz. Ohne zu erwarten, dass jemand ihre Brotkrümel auflesen wird, um seinen Hunger zu stillen. Viele Nutzer stört es nicht, dass man ihr weggeworfenes Brot aufsammelt. Schließlich haben sie es ja weggeworfen. Einige sagen sich jedoch, dass mit dieser Sache etwas so nicht in Ordnung sein kann und sie wissen ihre Daten lieber unbrauchbar oder gar nicht erst vorhanden.
Denn sie wissen, dass ein Drittel aller Firmen das Internet bei einer Bewerbung durchforstet, auf der Suche nach dem Dreck am Stecken, oder dem, was man als Dreck am Stecken auslegen kann. Sie wollen wissen, was den Bewerber ausmacht, was er nicht in seiner Bewerbung schreibt, da es dem Arbeitgeber nicht gefallen dürfte. Was man im Internet von sich selbst hinterlässt ist gewissermaßen freiwillig, oder zumindest kann man sich bewusst machen, was es im Internet über einen selbst zu erfahren gibt. Wenn einem selbst unbedenklich scheint, dann wird ein anderer Mensch das sicher nicht so sehen. Denn problematisch werden die Informationsfetzen erst, wenn sie aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden. Kaum vorzustellen, was ein anderer als man selbst aus einer Suchanfrage zu Äpfelsorten, einem Einkauf von Lederriemen, einer Suche nach„Ist xxx legal?” und einem Like auf Facebook von der Seite einer satanistischen Band herauslesen wird. Im Internet stellt man sich selbst indirekt durch seine Daten dar, und dieses Bild kann ganz anders aussehen als das, welches man in der Bewerbung von sich selbst gezeichnet hat.

Auf legalem Wege benutzen neben dem Arbeitgeber auch Krankenkassen, Staatsanwälte und Versicherungen das Netz, um ihre Arbeit besser machen zu können. Sie wollen Bescheid wissen, und sie wollen sich absichern. Wer mit seinem Profil im Internet zufrieden ist, kann dennoch darüber fallen: Vergesslichkeit ist keine seiner Schwächen. Was man früher in Foren, Gästebücher, Suchanfragen usw. von sich selbst mitgeteilt hat, dass verschwindet nicht. Nie kann man sich sicher sein, dass nicht Kopien dieser Daten gemacht wurden, dass man sie wieder loswerden kann. Es ist wichtig, dass man im Internet anonym sein kann und sein darf.

Auf anondat.de beschreibt man es so:

„Was verrät Ihr Computer über Sie wenn Sie wie üblich im Internet unterwegs sind? Es ist ungefähr so als ob Sie auf der Straße auf Schritt und Tritt beobachten werden würden. Bei Ihrem Aufenthalt auf der Straße haben Sie ein Schild um den Hals auf dem steht wer Sie sind , wo sie wohnen, woher Sie gerade kommen und wohin Sie gerade wollen, und vieles mehr. Jeder der es wissen will darf es sich abschreiben.”

Zum Vergleich:

„Judensterne wurden im dritten Reich jedenfalls nicht dazu benutzt, damit der Kaufmann wusste, dass ein Stern-Träger lediglich koschere Ware abnimmt.” (maettig.com)

Und dafür könnte man diese Daten benutzen. Ob das Fernmeldegeheimnis, welches nun mal deutsches Grundrecht ist, im Internet zur Anwendung kommen sollte, ist umstritten. Die International Telecommunication Union der Vereinten Nationen empfindet das Internet als einen öffentlichen Raum. Auf der Weltkonferenz für internationale Telekommunikation im Dezember 2012 wurden neue Vorschriften verhandelt. Es ging um das Internet. Das EU-Parlament forderte den Rat und die EU-Kommission auf, dass die neuen Richtlinien Menschenrechte und Grundfreiheiten – insbesondere freie Meinungsäußerung – nicht verletzen. Dass es sich zu dieser Aufforderung gezwungen sieht, mag als Hinweis auf die Tendenz der Konferenz dienen. Die Öffentlichkeit ist quasi vollständig ausgeschlossen.

Man muss sich eine Vorstellung machen, was das Ergebnis der zentralen Leitung des zurzeit aus vielen Einzelnetzen bestehenden Internets wäre. Repressive Regime zensieren schon jetzt das Internet, und die Tendenz dazu würde weiter zunehmen. In China sind bestimmte (westliche Seiten) schlicht nicht zu erreichen. Das „Projekt Goldener Schild” fährt die Suchanfrage gegen die digitale Wand, denn der Regierung passt es nicht, seine 300 Millionen Internetnutzer auf dem „kapitalistischen” Facebook zu sehen. Abgesehen von Blockaden ganzer Internetseiten wäre es möglich, jedem Nutzer eine an ihn (durch seine Daten) angepasste Webseite zu zeigen, die auf seine „Bedürfnisse”, seine „Wünsche”abgestimmt ist. Einschränkungen des Traffics durch Regierungen wären ohne Probleme möglich. Google könnte Ergebnisse aus Ländern nicht anzeigen, für die sie Durchleitungskosten bezahlen müssten. Via Spamdefinitionen könnten Katzenbilder oder Human Rights-Kampagnen unzugänglich gemacht werden. Die Möglichkeiten sind zahlreich. Wie will man Meinungsfreiheit gewährleisten, wenn die Information nicht zugänglich ist?

Der Datensammelwahn muss beendet werden. Die Nachteile von Vorratsdatenspeicherung überwiegen den Nutzen bei weitem. Anonymität im Internet ist wichtig, denn man hindert den Menschen nur in seiner Entfaltung, wenn er sich selbst im Internet ständig kontrollieren muss, um nicht den Fehler seines Lebens zu begehen. Im wirklichen Leben bringt ein flapsiger Kommentar in einer freizeitlichen Unterhaltung auch nicht gleich eine ganze Karriere in den Abgrund. Im Internet ist keine Verhältnismäßigkeit von Ursache und Wirkung gegeben.

Quellen
http://www.zeit.de/digital/internet/2012-11/itu-dubai-netzfreiheit
http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2013-03/bestandsdaten-breyer-bundestag
http://maettig.com/content/Studium/Anonymitaet/praesentation.html
http://anondat.com/anonym-internet-surfen
webdatenAll die Daten, die man im Internet übermittelt

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