Kopieren geht über Studieren: Plagiate

Samstag, 16. Februar 2013 |
Veröffentlicht in Ich studiere

965 Wörter

In Deutschland werden alljährlich etwa 110 000 Bachelor-Abschlüsse vergeben. Jeder dieser Absolventen steht am Ende eines langen Weges von Wissensansammlung und dessen Anwendung. Neben diesen Kenntnissen erlernt er auch etwas weitaus wichtigeres: wissenschaftlich arbeiten.

Ein Universitätsabschluss setzt ein nicht geringes Maß an eigenständigem Denken voraus, das man als Student an der Universität erlernt haben soll. Natürlich steht nirgendwo geschrieben, dass man das Rad neu zu erfinden hat. Demzufolge ist man bei seiner eigenen Bildung und Ausbildung auf das Wissen seiner Vorgänger angewiesen. Gerade in der Prüfungszeit wird die Universitätsbibliothek gern mal wie ein zweites Zuhause.

Von einem Studenten wird das selbstständig wissenschaftliche Denken und Arbeiten verlangt, sowie in der Anwendung des Erlernten eine eigenständige Denkleistung zu vollbringen. Hausarbeiten und die noch wichtigere Abschlussarbeit repräsentieren den Grad des Themenverständnisses und seiner wissenschaftlichen Aufarbeitung und Darlegung.

Doch tief fällt, wer des anderen Werk nicht anzeigt: ein Plagiat ist zutiefst verachtet. Nicht umsonst wird den Studenten beigebracht, wie man korrekt zitiert. Strikte Regeln sollen gewährleisten, dass geistiges Eigentum nicht genommen wird. Ohne diese Regeln zu befolgen soll man theoretisch keinen akademischen Grad erhalten, wenn auch die Praxis da eher anders aussieht.

Schreib dich nicht ab – in der Hausarbeit

Wenn man einmal durch das allgemeine Wirrwarr in allen Bereichen einer Universität hindurch ist und den Abschluss hinter sich gebracht hat, dann ist’s vorbei mit der Kleinkrämerei. So hoffte wohl auch Karl-Theodor zu Guttenberg mit seinem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Bayreuth. Ihm wurde Plagiat in seiner Dissertation „Verfassung und Verfassungsvertrag – Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“ vorgeworfen. Das Leben ist doch komisch, wenn der Rechtsstudent scheinbar noch nie vom Copyright gehört hat. Den Doktortitel durfte er jedenfalls direkt streichen.

Der nächste Minister bitte!

Als Politiker mit einem nicht unbedeutendem Amt, wie Guttenberg es als Bundesminister der Verteidigung innehatte, war sein Abschied aus der Regierung natürlich absehbar. Am 01. März 2011 tritt er zurück, nachdem er die Universität Bayreuth bat, seinen Titel zurückzunehmen. Und wünscht man sich nicht immer, dem Nachfolger mögen die Fußstapfen seines Vorgängers nicht zu groß sein? Anette Schavan scheinen sie zu passen. Die ehemalige Bundesministerin für Bildung und Forschung schmiss nach einem Dreivierteljahr der Belastung durch die Plagiatsaffäre die Flinte ins Korn und tritt am 14. Februar 2013 von ihrem Amt zurück. Ihre Dissertation zum Thema Gewissen liegt ihr wohl schwer im Magen. Was im Mai 2012 als Plagiatsverdacht ans Tageslicht kam, soll auf Flüchtigkeitsfehlern in ihrer Arbeit beruhen, welche nach eigener Aussage den wissenschaftlichen Standards voll und ganz entsprach. Ihre Arbeit wurde nach eingehender Prüfung für Plagiat mit leitender Täuschungsabsicht erklärt.

Tolle Vorbilder bekommt man als Student vorgesetzt. Während beide große Politiker waren, Guttenberg als Reformer des Militärs und Schavan mit vielen Verdiensten um die Bildung, waren sie beide auch Betrüger. Das Vertrauen in sie als Politiker kann nicht härter auf die Probe gestellt werden, und damit das Vertrauen in die Ämter und die Ausübenden der Politik allgemein.

Das Vertrauen der Wähler ist, was dem politischen Amt seine Legitimität gibt. Ob nun Guttenberg und auch Schavan gute Politiker waren, ist vielleicht für Kanzlerin Merkel erwähnenswert, doch das Gesamtbild der Politiker kann nicht stärker beschädigt sein als mit einem Betrug in der Wissenschaft. Eine Führungsposition des Landes in der Hand eines Betrügers, so möchte man sagen, ist unmöglich haltbar. Als Vertreter des Staates und damit auch Verfechter und Anerkenner des Systems kann ein betrügerischer Mensch nicht an der Spitze stehen. Wenn ein Mensch schon einmal einen groß angelegten Betrug begangen hat, wie soll seine allgemeine Rechenschaft noch glaubwürdig sein? Es ist nicht als möglich zu betrachten, dass sein eigener Vorteil nicht vor politischen Zielen steht.

Ein politisches Amt ist auch nur ein Job, und ein Politiker ist auch nur ein Mensch. Ein Mensch, der direkt und indirekt Verantwortung für seine Wähler und das gesamte Volk trägt. Also ist er wohl doch kein normaler Mensch. Nicht, dass er in biologischer o.Ä. Sicht von einem anderen Bürger zu unterscheiden wäre. Doch mehr noch als jeder andere Mensch sollte es einem Politiker gegeben sein, Privates von Öffentlichem zu trennen. Jeder arbeitende Bürger versucht genauso, das Geschäft vom Privaten so strikt wie möglich zu trennen. Das ist schwierig zu bewerkstelligen, doch in groben Zügen ist es sehr wohl möglich. Doch ein Betrug in einer wissenschaftlichen Arbeit eines späteren Politikers könnte öffentlicher nicht sein. So jedenfalls war es von größter Notwendigkeit für Guttenberg, sein Amt zu räumen.

Im Falle des Plagiatsverdacht Schavan ist für den einfachen Wähler schwer eine Entscheidung zu treffen. Verdient sie weiterhin das in sie gesetzte Vertrauen? Langjährige Politikerin der Bildung die sie war, ist ihr Verdienst darum nicht zu unterschätzen. Vor der Öffentlichkeit gab sie an, Flüchtigkeitsfehler in ihrer Dissertation seien möglich. Ob Flüchtigkeitsfehler eine Universität zur Aberkennung eines Doktortitels verleiten, ist schwer zu glauben. Doch das Urteil einer Universität kann schlimmstenfalls völlig unglaubwürdig sein.

Viele Universitätsstudenten können berichten, wie chaotisch und wirr es an der Universität zugeht. Von organisatorischen Problemen und Unzulänglichkeiten in der Lehre abgesehen, scheint das Bestehen einer Prüfung und damit der erfolgreiche Abschluss des Teilmoduls auf vielen Wegen erreichbar zu sein. Zwar ist eine Prüfung, wo gefordert, unvermeidlich, doch einen weiteren Prüfungsversuch zu erhalten, wenn man die Maximalanzahl der Versuche überschritten hat, ist keine Unmöglichkeit. Und so auch andere Alternativrouten für und um geforderte Leistungen.

Und die Moral von der Geschicht: Lasse dich erwischen nicht.

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