Wir saufen uns die Hucke voll – Alkoholkonsum

Dienstag, 15. Januar 2013 |
Veröffentlicht in Gesellschaft

1366 Wörter

(Krawallbrüder – Saarland)

„Wir saufen uns die Hucke voll“, „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“ (Die Toten Hosen) und „Vodka“ (Korpiklaani): so oder so ähnlich ist der Wortlaut in so manchem Song. Wir feiern, und wir trinken Alkohol. Die Deutschen allein 107 l Bier pro Kopf im Jahr (laut Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.).

So wie der Alkohol in den Wodka gehört, so gehören die Alkoholika auf Feierlichkeiten. Und natürlich nicht nur auf Feierlichkeiten, sondern auch an den Strand, zum Abendessen, in die Disco und als Dekoration/Gelegenheitsbar in das heimische Regal.

Und obwohl so verbreitet, ist er doch etwas Besonderes: der Verkauf ist altersbeschränkt, Anlässe zum Trinken sind nötig und Spezialitätenshops sind gang und gäbe. Also ist Alkohol wohl doch eine Ausnahme, schließlich gibt es in meiner kleinbürgerlichen Stadt keinen Gourmet-Laden für Butter.

Während auf Landesebene (Bayern) der Verkauf von Alkohol an Tankstellen zwischen 24 und 6 Uhr verboten ist, so ist natürlich die Schanklizenz der Gastwirtschaft deswegen nicht beschränkt. Dass so ein Verbot überhaupt rechtlich möglich ist, ist schon erstaunlich genug. Während man nun über die Notwendigkeit einer solchen Regelung streitet, ergeben sich zwei immer wiederkehrende Argumente. Der (wie man mutmaßen wird) selbstbestimmte Bürger sieht einen einschneidenden Verstoß gegen die Freiheit der Menschen im demokratischen Staat. Auf der anderen Seite stehen die Verfechter der Verbotskultur, die eine gesetzliche Beschränkung auch für öffentliche Räume fordern. Diese Menschen sehen ihren Holzweg, auf dem sie sich befinden, als die einzige Lösung an: die Bevormundung. Dabei ignorieren sie auch das Beispiel der amerikanischen Prohibition zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg kategorisch, die wohl nur zum Verlust der Steuereinnahmen und einem blühendem Schwarzmarkt führte.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) fordert derweil ein Verbot von Alkohol auf öffentlichen Plätzen. In Indonesien, so berichtet das australische Nachrichtenportal „ The Age“, wurde ein Gesetzesentwurf für Alkoholverbot eingebracht. Das strikte Verbot würde den Tourismus schwer treffen. Während in einem Staat, in dem 86 Prozent der Bevölkerung aufgrund ihrer Religion keinen Alkohol trinken, dieses Vorgehen gerechtfertigt sein dürfte, so kann in der demokratischen mitteleuropäischen Bundesrepublik davon wohl kaum die Rede sein. Die Absichten von Befürwortern der Alkoholverbote sind bei 74 000 Toten pro Jahr (Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung) durch Folgen des Alkoholkonsums allein in Deutschland wohl kaum in Frage zu stellen. Dass kommt nicht nur das Gesundheitssystem teuer zu stehen: 26,7 Milliarden Euro in 2007 (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.). An dieser Stelle fällt leider auch der Grundsatz der freiheitlich Denkenden, denn hier ist das nicht mehr Sache des Einzelnen.

Während alkoholauffällige Menschen gar nicht zur Rechenschaft gezogen werden, solange sie keine Gesetze übertreten, absolvieren 100.000 Führerscheininhaber jährlich eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU), von denen 56 % aufgrund Alkoholfragestellung vorgenommen werden. Hier ist klar, wie weit die Befugnis des Staates bisher ging. Und nun soll sie auch noch auf Zeiträume und öffentliche Plätze ausgedehnt werden? Irgendwann muss man von den Bürgern eigentlich klaren Menschenverstand fordern.

Die Beginn der Produktion von alkoholischen Getränken liegt schon 10000 Jahre zurück, als man im Vorderen Orient begann, Bier zu brauen. Schon 4000 Jahre v. Chr. Begannen die Ägypter Wein anzubauen. Pharaonen und Priester tranken an Festtagen bis zum Rausch, wobei die dadurch eintretende Bewusstlosigkeit als heilig empfunden wurde.

In Griechenland und auch die Römer pflegten die Tradition des Weintrinkens, gemischt mit Wasser. Sie veranstalteten Trinkgelage (Symposien), wobei, ähnlich wie bei den Ägyptern, der Rausch als besonderer Zustand galt, der dem Trinker Einblick in eine höhere Welt ermöglichte. Die Römer befreiten das Trinkgelage von seinem spirituellen Kern und tranken fortan, um sich dabei zu amüsieren. Den Deutschen mag es einleuchten, dass die Germanen Bier und Met in allen Ehren hielten. Sie verbanden dabei den Alkoholgenuss mit der Auffassung, dass auch die Götter gerne mal ein paar Gläser kippten. Auch der Alkoholrausch war Teil des gesellschaftlichen Lebens, und man vermutet, dass bei wichtigen Anlässen Trinkzwang herrschte. Doch Alkohol hatte nicht nur den Status eines Rausch-und Festgetränks, sondern war bis in die Neuzeit hinein ein Alltagsgetränk. Aufgrund der schlechten Wasserqualität waren alkoholische Getränke fester Bestandteil der Ernährung.

Im Mittelalter wurden, beginnend mit Karl dem Großen, zunehmend allgemeingültige Auflagen für das Trinken eingeführt, die aber wenig Beachtung fanden. Ab dem 16. Jahrhundert nahm sich die Kirche zusammen mit der weltlichen Obrigkeit die Trinksitten vor. Sie erließen Gesetze für Schankzeiten und schlossen Trinkstuben. Maximilian der I. verbat das „Zutrinken“, was aber von den Fürsten demonstrativ missachtet wurde. Im 18. Jahrhundert wurde Branntwein in der „Branntweinpest“ populär, da seine Herstellung aus Kartoffeln bedeutend günstiger war als Bier oder Wein. Alkoholische Getränke sind in die westlichen Kulturen und auch viele andere fest integriert und nicht wegzudenken.

Im reinen Alkoholkonsum liegt Deutschland mit 9,6 Litern pro Kopf statistisch auf Platz 5 (2010, Tendenz seit 1995 fallend) in Europa. Der Durchschnittswert für die Altersgruppen 12-15 und 16-19 Jahre steigt dabei seit 2004 stark an. So trinkt ein Jugendlicher zwischen 16 und 19 Jahren etwa 97,5g Alkohol pro Woche, was 5 Halben entspricht. Zum Vergleich: für einen erwachsenen Mann gelten 30g Alkohol pro Tag als unbedenklich. Das entspricht 1 ½ Halbe pro Tag oder 210g Alkohol pro Woche. Der erlebte Schulstress und Leistungsdruck wird als Hauptgrund angegeben.

Grundsätzlich weisen diese Zahlen, mit Ausnahme der Trinkgewohnheiten der Jugend, in eine positive Richtung. Dennoch steigt die Zahl der Beschwerden wegen Ruhestörung und öffentlichen Ärgernisses weiter an. Da meist auf öffentlichen Plätzen zusammen gekommen und getrunken wird, scheinen die allgemeinen Trinkgewohnheiten dennoch als akutes Problem. Doch wenn von Gaststätten und Discos auf öffentliche Plätze ausgewichen wird, dann kann der Alkoholkonsum an sich nicht Quelle des Problems sein.

Branntweinsteuer und Umsatzsteuer zusammen schlagen mit 3,65 € BWSt+1,59 € MWSt bei einem Preis von 9,99 € für eine Flasche Rum (0,7l) mit 5,24€ zu Buche. In der Gaststätte kosten 2cl Rum etwa 2€ bis 2,60€. Davon sind allein 0,10 € Branntweinsteuer. Zuhause kostet aber 1 Kurzer 0,28 €. Dabei hat man in der Gaststätte die Branntweinsteuer von knapp 3 Getränken abgegolten, wobei daheim mit dem kompletten Gaststättenpreis für 1 Getränk 7 Leute bereits versorgt sind. Da kann man doch direkt aufhören zu diskutieren.

Der allgemeine Alkoholkonsum ist nach öffentlicher Meinung zu hoch, die Ausgaben des Gesundheitssystems sind zu drastisch und die Menschen fühlen sich durch öffentliches Trinken gestört. Nun lässt sich eine einfache Lösung finden: man hört auf, Alkohol zu trinken. Da das aber nun mal eine Utopie ist, bleibt noch das altbekannte Verbot per Gesetz. Da Deutschland aber keine Diktatur ist, wird wohl (wer hätte es geahnt) die Erziehung der Eltern und die eigenen Erfahrungen Grundlage für das eigene Trinkverhalten sein und bleiben.

Ungelöst bleibt damit der finanzielle Schaden am Gesundheitssystem direkt durch Folgen des Alkohols für den Körper ausgelöst, sowie indirekte Folgen in Form von Personen-und Sachschaden aufgrund von Schlägereien, Unfällen etc. Womit der Grund für den Genuss von Alkohol (wobei Genuss hier auch leicht mit Missbrauch ersetzt werden kann) in die Mitte rückt. Alkoholische Getränke als Genussmittel sind sicher als gerechtfertigt zu akzeptieren. Alkoholika bringen jede ihren eigenen Geschmack mit, und dürfen ruhig als Abwechslung in der Ernährung dienen. Doch, wie an den vorangegangenen Beispielen zu erkennen und auch an der aktuellen Lage ablesbar, werden sie keineswegs nur als Abwechslung eingesetzt, sondern zur Betäubung der Gedanken und des Körpers. Andere Beschäftigungen scheinen nicht zu genügen.

Das Problem Kretschmanns ist nur ein typischer Interessenkonflikt in einem demokratischen Staat, in dem man es allen Recht machen muss. Und Beschränkungen von öffentlichem Alkoholkonsum sind schlicht nicht haltbar. Aber sich mit sich selbst beschäftigen ist ja auch out.

Quellen:

http://www.mittelbayerische.de/region/regensburg/artikel/kampf-gegen-das-komasaufen/862215/kampf-gegen-das-komasaufen.html
http://www.sueddeutsche.de/wissen/alkohol-stress-laesst-schueler-saufen-1.1010806
http://www.welt.de/reise/Fern/article112545370/Beim-Genuss-von-Alkohol-drohen-drastische-Strafen.html
http://www.dhs.de/datenfakten/alkohol.html
http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/krankheitenstoerungen/tid-9117/genussmittel-die-wahrheit-ueber-alkohol_aid_263788.html
http://www.kenn-dein-limit.de/alkohol/risikoarmer-alkoholkonsum/
http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/drogen-studie-alkohol-gefaehrlicher-als-heroin-und-crack-1.1018201
http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/folgen-der-sucht-alkoholiker-verlieren-lebensjahre-1.1498308

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