Millenium des Wahnsinns

Sangria-Eimer im Louvre und die Mona Lisa auf Malle

Unbezahlbar und unverkäuflich – Erfahrungen mit anderen Kulturen sind nicht gratis, aber auch nicht verkäuflich. Sie sind allerdings keinesfalls umsonst.

Wenn man sich mal die Welt so anschaut, dann denkt man wohl, man kann alles haben. In meiner Stadt gibt es ein mehrstöckiges Asia-Fachgeschäft. Da kann ich aus China importierte Tütensuppen kaufen, die schmecken ganz anders. Getränke, von denen mir mal jemand berichtet hat. Und da gibt’s auch zig Dinge von denen ich nichts weiß, die komisch aussehen, anders riechen oder ungewohnt zubereitet werden. Alles fein (europäisch) säuberlich aufgestapelt, mit Preisschild und sogar nachbestellbar.

Wenn’s nur ein Fachhandel wäre dann ist da wohl gar nichts ungewöhnlich dran, schließlich sind die Produkte aus der Ferne dann immer noch so exquisit wie wenn ich sie auf meinem Trip nach Peking entdecke, oder etwa nicht? Allerdings führt auch mein nächstgelegener Supermarkt Tütensuppen aus Asien und in der Obst- und Gemüseabteilung kaufe ich mir Pitahaya und Litschi. Wohl kaum exquisit und aufregend anders.

Denn anders ist doch aufregend, wozu sonst reisen Menschen seit anno dazumal dahin, wo sie „mal was anderes“ sehen. Die Familie fährt in den Urlaub an den Sandstrand oder zum Skifahren, der Student wird quasi aus dem Heimatland geworfen weil Auslandserfahrung heute überlebensnotwendig zu sein scheint, und wenn nicht, dann zieht er freiwillig los.

Und wer zurückkommt, der sieht anders aus als vorher, der macht vielleicht andere Dinge als vorher und mag vielleicht auch andere Dinge als vorher. Er bringt Souvenirs mit, nämlich das, was es in der Heimat selbst so nicht gibt. Reisen ist nämlich kein gigantisch aufwändiger Akt mehr, wohl jeder Europäer erreicht innerhalb von einigen Tagen den Arsch der Welt, wenn er es nur versucht und (zugegeben) über etwas Geld verfügt. Und damit der Moment der so anziehenden Ferne anhält, gibt’s ein Mitbringsel. Und was würde das wohl sein? Gewürze aus China. Hätte ich auch bei Aldi bekommen. Feinstes Pesto aus Süditalien. Gibt’s bei Netto. Eine Fellmütze aus Finnland. Gibt’s bei Quelle. Irgendwie gar nicht aufregend…

Dann ist also das Angebot in der Heimat die Spaßbremse? Hat man sowas schon gehört? Naja, jeder hat ja sicher schon gehört, wie unglücklich der Konsum den Menschen machen soll. Hierzulande kann man alles kaufen; ist doch toll, nicht verzichten zu müssen. Ich arbeite um Freizeit zu haben, in dieser Freizeit gebe ich mein Geld aus für Dinge, die ich mir gerne in einem chinesischem Dorf auf dem Markt gekauft hätte. Ich habe aber ja keine Zeit hinzufahren, deswegen ist es doch wunderbar, dass ich die Sachen auch hier kaufen kann – Moment! Arbeite ich nicht um Freizeit zu haben?! Und Geld?! Womit ich dann auf dem chinesischen Dorfmarkt-….die Logik stinkt zum Himmel!

Eins bleibt da nämlich irgendwie auf der Strecke, es gibt nämlich keinen chinesischen Markt für mich zum anschauen. Und ich treff‘ auch keine Leute denen ich erzählen kann, was für super Gemüse in Deutschland wächst, dass die vielleicht nur in ihrem Supermarkt kaufen können.

Keine Reise – Schiff fahren und Flugzeug fliegen ist doch auch „mal was anderes“, dachte ich?!

Also wieso machen wir dann das alles nicht, wenn das doch eigentlich was Tolles ist? Wir benehmen uns nämlich wie wahnsinnig, allesamt. Und bald saufen die Franzosen Sangria-Eimer im Louvre und die Mallorquiner glotzen auf die Mona Lisa am Ballermann.

Ist Reisen denn dann ein Ausdruck von Fernweh, wenn man importiert was nicht niet-und nagelfest ist und auch nicht Kulturtourismus betreibt? Klingt unwahrscheinlich.

Früher, als die Welt noch nicht entdeckt und wenig über sie bekannt war, da hat der Reisende die Welt gesucht. In seiner Neugier musste er reisen, um Eindrücke zu erlangen. In der Stadt Kardamom kaufen reicht da nicht. Aber heute sind die Menschen international, jeder sah schon mal ein Bild der Pyramiden von Gizeh und wahrscheinlich auch schon von anderen Pyramiden. Heute sucht man in der Ferne wohl eher sich selbst.

Er sucht sich im Sangria-Eimer auf Malle. Hmm, das klingt irgendwie nicht sehr anspruchsvoll. Da kommt die fremde Kultur ins Spiel: als Manifestation der geistigen Arbeit einer Gesellschaft ist sie wohl die Pause vom täglichen chaotischen Strudel, ein Weg, dem eigenen Geist Nahrung zuzuführen. Skandinavien steht auf Platz 7 des Reisewahnsinns (Deutschland,2011).

So ein Naturerlebnis wie z. Bsp. In Finnland bekommt man auch nicht unbedingt überall.

Ich selbst habe schon mal ein halbes Jahr in Finnland verbracht und jeder, der etwas Landschaft und Natur und sonst eher nichts sucht hat definitiv ein tolles Erlebnis in Finnland. Raus aus unserem europäischen Geschwindigkeitsrausch und ab ans Wasser, mit dem Wald im Rücken und dem Horizont voraus.

Das zweitbeliebteste Urlaubsland ist Spanien…Sommer, Sonne, Sonnenschein (und nicht zu vergessen: Sangria!)

Platz 1: Deutschland. Haben die Deutschen Angst vor der weiten, weiten Ferne? An dieser Stelle verstehe ich nun die Aufforderung von Arbeitgebern an Studenten Auslandserfahrung zu sammeln, denn scheinbar macht ein Deutscher das nicht von selbst, obwohl es doch eine fantastische Möglichkeit ist, sich selbst zu entdecken. Ganz zu schweigen davon, dass Neues leicht eine Inspiration für das eigene Schaffen sein kann.

Zu entdecken, wie man Neues verarbeitet und damit umgeht. Das scheint mir auch der Reisegrund schlechthin zu sein. Raus aus dem bequemen Alltagstrott und sich selbst verändern, denn wer in der Entwicklung stehen bleibt ist einfach nur langweilig. Anstatt also diese perverse Kulturverschandelung a la Kulturimport zu betreiben, muss eindeutig die Erfahrung aus zweiter Hand weg und der Mensch wieder aus dem Land geworfen werden. Für die Auslandserfahrung. Oder auch dauerhaft? Also raus hier!

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