Sag‘ doch lieber mal „Nein, danke.“ zu Konsum

Es ist Zeit für den großen Wochenendeinkauf. Man schnappt sich die lange Einkaufsliste: Lebensmittel, Waschmittel, Glühbirnen, den neuen Marvel-Film auf DVD. Wenn man dann so mit dem Einkaufswagen duch den Laden läuft sammelt man alles zusammen was man so einkaufen wollte und – jeder kennt es- so einige Sachen, die man nicht auf der Liste hat. Es gibt gerad einen MP3-Player im Angebot, mit viel mehr Speicherplatz und soooo günstig!

Man leistet sich ja sonst nichts. Also eingepackt. Vorbei geht es an den Kühlregalen: Sahne zum Kuchen wäre nett. Ab in den Wagen damit. Etwas später an der Kasse ist der Wagen wirklich ganz schön voll. Und das alles, weil man sich nicht zusammengerissen hat. Riesensumme auf dem Bon, die Verzweiflung über das verschwendete Geld ist groß. Konto leer, Wohnung voll.

Das ist natürlich eine klasse Sache, schließlich ist es echt toll, etwas Neues zu haben, das alles andere um ein klitzekleines Bisschen ergänzt. Aber ist es das wert?

Hab ich schon

Arbeiten geht man doch heutzutage für die Freizeit, ist es nicht so? In der Freizeit kann man all die tollen Sachen machen wie Fahrrad fahren oder ein Instrument spielen oder – ein etwas anderes Hobby – shoppen gehen! Einkaufen kann natürlich auch ein Hobby sein!

Freizeit, wie das Wort schon sagt, ist freie Zeit, Zeit die gefüllt werden muss. Doch sie macht den Menschen nicht frei , wenn er nicht weiß, was er in ihr anstellen soll. Dann ist Freizeit nämlich Langeweile. Und Langeweile hat doch diesen schlechten Unterton. Eine Zeit, die einem lang vorkommt. Denn in der Langeweile tut man ja faktisch gar nichts, man sehnt sich nach etwas, das einen nicht spüren lässt, wie die Zeit vergeht. Und da ist einem schnell geholfen: Die Marvel-DVD! Schnelle Action, krasse Typen und tolle Sachen, die man auch haben muss. Überhaupt nicht langweilig!

Wenn dem Mensch langweilig ist, dann nimmt er keine interessante Information auf. Nicht umsonst ist die Stadt voller Plakatwände mit Werbung in bunten Farben. Information, möglichst einfach präsentiert und ständig anders. Und solange der Kopf Information zu verarbeiten hat, kommt keine Langeweile auf. Wir trainieren unser Gehirn auf ständige Informationsaufnahme, einen nicht endenden Strom. Der Computer läuft zu Hause, das Handy ist an, ein Buch liegt aufgeschlagen daneben, die Konsole ist in Reichweite und vielleicht läuft auch noch der Fernseher. Nicht selten hört man Musik oder sieht Videos an, während man chattet. So ein ständig wechselnd genutzter Informationsfluss macht Häppchen aus dem Erlebten, und die lernt das Hirn zu erwarten. Diese Häppchen erlauben uns natürlich auch den Informationsfluss aufrecht zu erhalten, da wir nur am Anfang eines Häppchens einsteigen müssen ohne viel zu verpassen. Und könnte man nicht folgen, wird einem sicher langweilig. Und das fühlt sich unangenehm an.

Doch Langeweile, das ist viel mehr Freiheit in der Freizeit, als man auf anderem Wege haben könnte. Ist nicht ein Großteil unseres Denkens darauf ausgerichtet, uns selbst zu verwirklichen? Und ist Selbstverwirklichung nicht die Freiheit unserer Zeit? Wie aber wollen wir das tun, wenn wir konstant aufzunehmen haben statt zu produzieren? Denn das tun wir in unserer sogenannten „Konsumgesellschaft“ oder „Überflußgesellschaft“. Wir produzieren regelrecht einen Überfluß an Freizeit, der mit etwas anderem gefüllt werden will als Langweile. Diese Freizeit bietet uns Zeit zur Lebensgestaltung, zu Verwirklichung unserer Interessen. Doch stattdessen kommt in der Langeweile die Sinnlosigkeit unserer Existenz als Konsument und Informationskonsument deutlich zum Vorschein. Psychiater kennen von ihren Patienten die Sonntagsneurose: Die Menschen erscheinen sich sinnlos ohne Arbeit. Die Menschen wissen nicht, wofür sie leben können. Und dieses Gefühl wird mit Konsum betäubt.

In unserer schnellen Zeit erscheint einem das Leben gleichzeitig sehr kurz. Wie oft sagt man „Ich habe keine Zeit“ und wie oft fühlt man sich, als würde die Zeit rennen? Und das obwohl heute die Masse der Menschen heutzutage mehr Zeit zur Verfügung hat als jemals zuvor. Die Menschen leben länger.

Wohin ist unsere Zeit? Das Wunderland der Waren frisst Stunde um Stunde. Natürlich müssen Dinge gekauft werden. Doch Besitz muss auch genutzt, gepflegt, gereinigt, geordnet werden: Konsum stiehlt unsere Zeit. Unsere Freizeit. Unsere Langeweile. Unsere Freiheit.

Freiheit ist ungehindert sein, keine Hindernisse im Weg stehen zu haben. Metaphern für Freiheit sind große, flache Ebenen, unendlich weit; weit und breit kein Wald, kein Gebirge, kein Fluss, der meinen gewünschten Weg zu beschreiten unmöglich macht. Ich fahre bis zum Horizont, die ultimative Metapher der Schrankenlosigkeit. Wird man dann eine Mauer in seinen Weg bauen, sich ein Fernglas kaufen und von dort aus in die Ferne schauen? Oder, in anderen Worten, sich ein Haus in den Weg stellen, einen Fernseher in das Wohnzimmer stellen und den kurzweiligsten Film aller Zeiten einlegen? Oder wird man direkt in Richtung Horizont schreiten?

Mit Konsum baut man sich seinen eigenen Hürdenlaufparcours. Mit einem Hindernis davor, Zeit mit anderen zu verbringen. Ein Wassergraben vor dem, was einem Freude macht. Ein Hindernis davor, den Sinn im Leben zu suchen. Und dafür nimmt man einen Ersatz: einen Film über jemand, der „es geschafft“ hat, mit einem Software-Produkt unglaublich erfolgreich zu sein und damit den Parcours überwunden hat.

Lebenssinn ist etwas, das Menschen sich unglaublich mächtig vorstellen. Etwas, dass sie unglaublich stark machen wird. Etwas, dass sie glücklich machen wird. Doch niemand kann einem sagen, was der Sinn ist, man kann es nur für sich selbst wissen. Wenn man sich nun selbst durch seinen Konsum behindert, den Lebenssinn zu finden, dann ist die einfachste Lösung der Verzicht.

Brauch ich das?

Verzicht hat einen Beigeschmack von Beschränkung, er ist eine Einschränkung im Leben. Man erhält etwas nicht, was man eigentlich will. Verzicht in der Wirtschaft klingt nach Rezession, Verzicht ist schlecht. Verzichten ist nicht im Sinne des Zeitgeistes, nicht im Sinne des Kapitalismus. Verzicht muss aber nicht negativ sein: Stelle man sich doch einfach die Frage, ob man eine spezielle Sache braucht. Brauche ich eine Stereoanlage? Nun, ich bin ein großer Musikfan, ich liebe Musik. Also brauche ich sie. Brauche ich eine Konsole? Ich mag Spiele. Aber ihr Unterhaltungswert ist mir nicht hoch genug. Ich brauche keine Konsole. Habe ich mich eingeschränkt, wenn ich meine Konsole weggebe? Sicher nicht,denn es tut mir nicht weh, sie herzugeben. Verzichten ist es ein freiwilliger Akt. Verzichten klingt heutzutage wie Verweigerung: sich die Genüsse des Lebens verweigern, obwohl man sie doch will. Doch das ist es nicht.

Verzichten hilft sich zu befreien. Ob man Verzicht negativ sieht, das ist Kopfsache. Verzicht ist eine Veränderung und gravierende Veränderungen wirken abschreckend auf den Menschen.

Doch ganz schlichte Überlegungen nehmen die Angst: Jeden Tag Billigfleisch auf dem Teller, oder am Wochenende ein köstlicher Braten? Man hat verzichtet, und damit hat man nachhaltig profitiert.

Verzicht auf Dinge des Alltags ist aber auch beinahe schon ein Sport in der Gesellschaft, und der lautet „Fasten“.

Wozu fastet man, und was kommt dabei heraus?

Der Mensch in der Konsumgesellschaft gilt wohl als zügellos. Der Großteil seiner Bedürfnisse kann auf der Stelle und wiederholt befriedigt werden. Nahrungstrieb, Sammeltrieb, Sexualtrieb, alle schnell und recht unkompliziert zu befriedigen. Doch wenn man Befriedigung sucht, kann man leicht Gier finden. Alles kann man haben, jederzeit und überall. Warum plagt die junge Generation dann ein Gefühl der Sinnlosigkeit, wie es unter Studenten weit verbreitet ist? Schließlich können sie sich alles erfüllen, was sie wünschen.

Im Fasten kann man auf die Erfüllung dieser Wünsche verzichten. Man kann sich eine selbstbestimmte Grenze oder ein Verbot auferlegen, um sich selbst zu erproben. Fasten ist Beherrschung in einer zügellosen Welt. Man überwindet sich selbst und empfindet seinen Charakter danach als stärker als die Verlockungen. Man erfährt und bestimmt sich selbst.

Menschen, die Heilfasten ausüben, fühlen sich geistig befreit, erhalten einen Energieschub und sprühen vor Kreativität durch eine Kur aus Wasser, Tee und Gemüsebrühe. Das klingt wahrscheinlich paradox, doch was hier dazu gehört, ist ein Besinnen auf wahre Wünsche, wahre Ziele, wahre Antriebe, die man nach der Erkenntnis anstreben kann. Denn Verzicht macht Freiräume, die gefüllt werden müssen. Einmal mit dem Strom der Information brechen und sich von der Langeweile erst plagen lassen, um dann selber produktiv zu werden. Das scheint mir eine denkbar schwere Übung, doch einen Einblick gewinnen ist leicht: alles was Denkstoff liefert außer Sichtweite schaffen und seine Gedanken in aller Ruhe bis zum Ende denken.

Fasten für den Geist.

Fasten für den Körper

Sex ist aus der normalen Entwicklung und Reifung des Menschen herausgebrochen. Sex ist entweder tabooisiert oder wird groß vermarktet. Anstatt sich in das Gesamtgefüge der Persönlichkeit einzufügen, wird Sexualität isoliert und birgt die Gefahr von Neurosenbildung. Sex wird aus dem personalen Zusammenhang gerissen und vermarktet. Es ensteht ein Konsumzwang der Aufklärungsindustrie, die den Menschen ein Gefühl der Verpflichtung verleiht, sich für das Sexuelle selbst zu interessieren, für die depersonalisierte und dehumanisierte Sexualität. So betrachtet Viktor E. Frankl die Sexualität, und er weiß um die davon ausgehende Gefahr: Der Zwang und damit verbundene psychische Druck kann Potenz und Orgasmus schwächen. Weiteres Erlernen (und damit Konsumieren) von Sextechniken nützt da nichts, denn der weitere Druck lässt die Bedingungen normalen sexuellen Funktionieren wie Spontaneität, Unmittelbarkeit, Selbstverständlichkeit, Unbefangenheit vollends verschwinden.Es entstehen psychische Störungen, die sich in übertriebenen Ängsten äußern, ohne erkennbare körperliche Ursachen: Neurosen.

Doch man kann auch in einer Gesellschaft mit Konsumzwang „Sex“ davon unberührt bleiben, unberührt im wahrsten Sinne des Wortes? Und tut das dem Geist oder Körper weh?

Ungewöhnlich, und sehr interessant: eine 33jährige Frau spricht in der Zeit online in der Sparte der Leserartikel darüber, dass sie im Leben noch keinen Sex hatte. Es macht sie nachdenklich, und das sollte es auch. Nachdenklich darüber, wie ein Mensch offensichtlich um die allgemeine Tendenz in der Gesellschaft, nach der Geschlechtsreife zumindest ein Mal Sex gehabt zu haben, herumgekommen ist. Denn Sex ist in erster Linie natürlich klarer Bestandteil der Natur und so auch Bestandteil des Menschen. Gleichzeitig ist Sex natürlich allgegenwärtig und, wie zuvor angesprochen, entweder in die Persönlichkeit integriert oder auch (konsumbedingt) aus ihr herausgebrochen. Zwar vermisst die Dame Sex nicht, denn sie empfindet nach eigener Aussage kein Bedürfnis für Sex. Dennoch denkt sie viel über dieses Thema nach, denkt darüber nach ob sie nicht „ein anderer Mensch“ wäre, wenn sie sich einem anderen Menschen einmal lustvoll (oder eben auch ohne Lust) hingegeben hätte. Sie selbst kennt die Ursache für ihre Enthaltsamkeit nicht, führt mutmaßend verpasste Gelegenheiten in der Jugend und eine nicht körperlich-herzliche Familie an.

Wohin gehört heute aber Sex, ist er mehr ein wichtiger Bestandteil der Persönlichkeit, oder mehr ein gnadenlos ausgeschlachtetes „goldenes Schwein“? Er ist allemal ein beständig wiederkehrendes Thema. Nicht nur der sehr freie Ansatz einer Sexbörse im Internet und der Ansatz „ Sex mit wem immer man will, sofern der andere es auch will“ sind in Diskussion, sondern auch traditionelle Konzepte wie „Kein Sex vor der Ehe“ wird als theoretisch erstrebenswert betrachtet. Man würde nämlich mit diesem Verzicht auf das eine zwar verzichten, dafür aber etwas anderes bekommen können, denn: es gilt die Langeweile zu nutzen. Wenn wir, vor Langeweile gestellt, kreativ werden, und kein Sex schlicht im Gespräch miteinander resultiert, kann man den anderen eben auf andere Weise erkunden. Nur ist dabei das körperliche Erkunden wohl eher nebensächlich. Das goldene Schwein bleibt im Stall.

Ich habe mir berichten lassen, wie jemand genau das erlebt hat: Eine nicht unbeträchtliche Entfernung trennt ihn und sie. Kennengelernt haben sie sich im Ausland, sie wohnen im gleichen Land, aber doch weit auseinander. So gut wie jeden Tag verbringen sie Stunden damit, zu telefonieren, denn sie mussten schon im Ausland feststellen, dass sie viel gemeinsam haben und nicht einfach wieder das Leben des andern verlassen wollen. Natürlich ist da kreativer Schutz vor der Langeweile miteinander angesagt, also reden sie über alles was ihnen in den Sinn kommt. Da erscheint es auch nicht so unwahrscheinlich, dass sie „Sex vor der Ehe“ als erstrebenswerte Idee und Lebensweise betrachten. Sie haben Sex nicht als mögliche Beschäftigung (man denke an den Konsum) und haben dennoch bedeutende angenehme Erfahrungen miteinander. Und sie fühlen sich dadurch schon nach wenigen Monaten wie als würden sie sich seit langer Zeit kennen.

Verzichten heißt auch oft mehr haben. Denn Verzichten ist nicht verlieren, sondern gewinnen.

Quellen:

http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/verzicht-kult-mein-leben-auf-der-festplatte-a-713390.html
http://www.focus.de/gesundheit/ernaehrung/abnehmen/tid-17267/fastenzeit-gewinn-durch-verzicht_aid_480836.html
http://www.scilogs.de/wblogs/blog/ko-logisch/kologie/2012-05-23/zu-wenig-erden-was-tun-konsumwandel-oder-verzicht
http://www.bmu.de/presse/artikel_und_interviews/doc/46309.php
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13494892.html
http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/konsumverzicht-das-fraeulein-zunder/3684360.html
http://www.welt.de/debatte/article13875090/Verzicht-ist-eine-Chance-keine-Einschraenkung.html
http://www.zeit.de/2009/27/Krise-Beschleunigung

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